Time Without End
Klaus vom Bruch untersucht seit den 1970er Jahren mit seiner künstlerischen Praxis, wie Medien gesellschaftliche Zustände und die Repräsentation (historischer) Ereignisse beeinflussen und prägen. Mithilfe von Methoden der subjektiven Aneignung, Dekonstruktion und Collage von gefundenem Material aus Film und Fernsehen interagiert er mit dem mediatisierten Umfeld und seinen semantischen Systemen in einem humorvollen Tonfall. In der Videoarbeit Time Without End, die der Ausstellung ihren Titel verleiht, greift Klaus vom Bruch auf eine nur wenige Sekunden lange Filmsequenz aus dem Hollywood-Melodrama und der Buchverfilmung Leave Her to Heaven von 1945 zurück. Sie zeigt eine Frau, die in einem komfortablen Zugabteil sitzt, ihr Gesicht zunächst von einem Buch mit dem Titel „Time Without End“ verdeckt. Zunehmend schläfrig werdend, lässt sie das Buch nach und nach in ihren Schoß sinken und schließlich zu Boden fallen. Durch das rhythmische Verschieben einzelner Frames auf die Sekunde genau bricht Klaus vom Bruch mit der Kausalität, die den Narrativen des klassischen Hollywood-Kinos zugrunde liegt: Konventionell erschließt sich die Handlung den Zuschauenden sukzessive mit einem Anfang, einem Mittelteil und einem Ende. In Time Without End wird die im Film eingeschriebene Linearität der Zeit selbst als künstlerisches Material manipuliert, um das bewegte Bild hypnotisch auszudehnen und in seine Einzelteile zu zerlegen. Das stakkato-artige Hin und Her der Bilder trägt in Verbindung mit dem stets verzögerten Soundtrack dazu bei, dass die Erzählung einen neuen Rhythmus entwickelt, der die Betrachtenden in einen zeitenthobenen Trancezustand versetzt.
Während die Zeit an Bord des „Santa Fe Super Chief“ – der jenseits fiktionaler Filmnarrative in den 1930er bis 50er Jahren auch als „Zug der Stars“ bekannt war, weil er berühmte Schauspielerinnen und Schauspieler durch die USA fuhr – kurz neuen Regeln gehorcht, zieht die karge Landschaft im Hintergrund zügig und ungestört vorbei. Dass Klaus vom Bruch für seine Arbeit eine Zugszene gewählt hat, ist kein Zufall: In Bezug auf Paul Virilios Überlegung, dass Geschwindigkeit für die Entwicklung neuester Technologien – einschließlich Filmtechniken wie auch Fahrzeugen – für die Gesellschaft im und ab dem 20. Jahrhundert konstitutiv geworden ist, rückt Time Without End auch unsere zeitgenössischen Wahrnehmungsgewohnheiten mit einem Augenzwinkern in den Fokus.
Register (FL//055)
Time Without End
Klaus vom Bruch
1996/2017
10/40+10
1-Kanal-Video, Farbe, Stereo
1920px x 1080px, 6 Min. 39 Sek.