Richard Sides, 2021

The Daily Mirror

Im Französischen bezeichnet „fait divers", was wörtlich als „verschiedene Dinge" übersetzt werden kann, eine besondere Rubrik in Tageszeitungen, die Lokalnachrichten und merkwürdige Kuriositäten versammelt. The Daily Mirror, sowohl der Name einer britischen Boulevardzeitung als auch der Titel von Richard Sides' neuer Arbeit, knüpft nicht nur an unser alltägliches Medienumfeld an, sondern verbindet auch die Dokumentation unserer Existenz mit persönlichen Narrativen von Schicksalen, Leidenschaften und Begehren.

Zugleich Werk und Bühne, besteht The Daily Mirror aus einer Konstruktion aus Resten vergangener Ausstellungen, Spanplatten und anderem Holz sowie banalen Verkleidungsmaterialien wie Teppich und Klick-Laminatboden, entstanden in einem improvisierten Dialog mit Fluentums strukturierter Architektur. Durch die Alltagsästhetik von Baumarktprodukten und billig produzierten Dekorelementen verschiebt sich die Geste des künstlerischen Eingriffs – in diesem Fall die skulpturale Raumaneignung – zu einer häuslichen Besetzung mit einem gemütlich einladenden Interieur. Die Autonomie eines Kunstwerks, das generell danach strebt, einen eigenen symbolischen Kontext zu etablieren, überlagert sich hier mit einer Form privater Abgeschiedenheit. Die solitäre Holzhütte wird von einer Zweikanal-Videoarbeit bewohnt, die ihren eigenen Bedeutungsrahmen in eine architektonische Umhüllung übersetzt: Indem Räume ineinander verschachtelt werden – ein Rahmen, Sides' Installation, in einem Rahmen, Fluentum als Institution, in einem Rahmen, die historische Architektur des Raums –, veranschaulicht The Daily Mirror, wie Inszenierung und Bedeutung Räume hervorbringen können, inhaltlich wie formal.

Die Grundstruktur der in die architektonische Hülle platzierten Videoarbeit ist eine scheinbar endlose Abfolge von Straßenansichten, die wie der Blick aus einem imaginären Fenster vorbeidriften und verschiedene Szenen miteinander verbinden – träge Landschaftsaufnahmen und scheinbar ziellose Tischgespräche. Richard Sides collagiert diese oft locker inszenierten Aufnahmen so, dass ihr musikalisch improvisierter Rhythmus das Bild einer unruhigen Gegenwart zeichnet. In der mal konfrontativen, mal versöhnlichen Verhandlung zwischen einem Innen und einem Außen, einem privaten Daseinszustand und öffentlicher Teilhabe, befragt The Daily Mirror damit die Grenze zwischen dem Ich, das interpretiert, und dem Anderen, das kommuniziert.

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The Daily Mirror
Richard Sides
2021
2-Kanal-Videoinstallation, Farbe, Audio, Spiegel, Teppich, Holz