Loretta Fahrenholz, 2018

Story in Reverse

Es heißt, der älteste Trick der Menschheit, den Tod zu überlisten, bestehe darin, sich selbst und seine Ideen immer wieder an neue Generationen weiterzugeben. Es sind die Nachkommen, die Geschichten fortführen, Traditionen aufrechterhalten und die Vergangenheit in der Gegenwart repräsentieren. In Ilse Aichingers 1949 veröffentlichter Spiegelgeschichte entfalten sich die Szenen eines Lebens in umgekehrter Reihenfolge, vom Ende zum Beginn einer alltäglichen Existenz. Die Kurzgeschichte zeichnet das Leben einer namenlosen Frau nach, das sich von ihrer Beerdigung über einen Schwangerschaftsabbruch und eine Affäre bis hin zu ihren Schuljahren und schließlich ihrer Geburt entrollt. Was ein unumkehrbarer Lauf der Ereignisse sein sollte, wird durch narrative Mittel so umgelenkt, dass Reproduktion und der Fortschritt der Zeit ihre scheinbare Endgültigkeit verlieren.

Für Story in Reverse gab Loretta Fahrenholz Aichingers Text an freiberufliche Illustratorinnen und Illustratoren weiter, die ihre Fähigkeiten über die Online-Dienstleistungsplattform Fiverr „on demand" anbieten, um den prägnanten Slogan des Startups zu zitieren. Die Künstlerin beauftragte sie damit, die Geschichte in Comics zu übersetzen, jede und jeder im eigenen Stil und innerhalb der Zeit- und Finanzrestriktionen des Ausstellungskontexts, in dem die Arbeit ursprünglich präsentiert wurde. Story in Reverse versammelt die entstandenen digitalen Zeichnungen, auf Dias übertragen, in einer Installation aus mehreren parallel laufenden Projektoren. Der Ursprung der Illustrationen in der prekären Selbstständigkeit des Plattformkapitalismus des 21. Jahrhunderts wird so einer obsoleten Technologie gegenübergestellt, deren Erzählform nur in Zyklen funktioniert. In einem endlosen Loop, begleitet vom rhythmischen Geräusch der Geräte, laufen die verschiedenen Interpretationen von Aichingers Erzählung unaufhörlich und nahezu gleichgültig nacheinander ab. Einander überlappend und ihre unterschiedlichen Stile vermischend, reproduzieren sie fortlaufend das Leben der Protagonistin, das sich selbst der Reproduktion widersetzt.

In Story in Reverse schließt sich Loretta Fahrenholz den meist anonymen Prozessen algorithmisch bestimmter Bildproduktion an und schafft dabei das Porträt einer gesellschaftlichen Klasse. Ihre instabile Gegenwart, die mit dem Wunsch nach Linearität und Stabilität kollidiert, scheint in den verschiedenen, in der Arbeit zusammenlaufenden Übersetzungsprozessen – des geschriebenen Wortes in Bilder, der kulturellen Vergangenheit in die Gegenwart – kontinuierlich perpetuiert zu werden.

Story in Reverse ist eine Leihgabe mit freundlicher Genehmigung des Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben mit Unterstützung der Gesellschaft der Freunde der bildenden Künste Wien 2018.

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Story in Reverse
Loretta Fahrenholz
2018
Diainstallation