materialoutpost
Betrachtet man die Strategie der Nähe als Gegenteil von (ironischer) Distanz bei der Analyse gesellschaftlicher Prozesse, dann ist D'Ette Nogle eine Meisterin darin, Berührungsängste gegenüber diesen Themen Schicht für Schicht abzutragen. In ihren dicht recherchierten und materialreichen Videoarbeiten wählt sie einen unkonventionellen Zugang zur Geschichte, der dem assoziativen Collagieren ähnelt: Indem sie eine Vielzahl von Fakten, Machtstrukturen, Literatur- und Kunstwerken, Berühmtheiten, Theoretikerinnen und Theoretikern sowie persönlichen Einschüben konfrontiert, schafft Nogle packende Panoramen, die sich komplex vor den Betrachtenden entfalten.
Die anlässlich von Time Without End produzierte Videoarbeit materialoutpost baut auf einer früheren Videoarbeit Nogles auf, materialschrank (2020). Dafür wählte sie Sigmar Polkes Gemälde Schrank (1963) und die Kunstbewegung des Kapitalistischen Realismus, den Polke mitbegründete, als Narrativ, um verschiedene zeitgeschichtliche wie popkulturelle Referenzen in einen offenen Dialog treten zu lassen. Als Fortsetzung findet materialoutpost seinen Ausgangspunkt im ehemaligen US-Armeekinosaal Outpost in Berlin-Dahlem, der während der US-amerikanischen Besatzungszeit nach 1945 auch als „Little America" bekannt war. Der Titel deutet auf spielerische Weise den thematischen Tenor der Videoarbeit in zweierlei Hinsicht an: Der Outpost, der in seiner Funktion als Kino Produkte kultureller Produktion nach Berlin brachte, dient hier als Ausgangspunkt, um mithilfe von Erzählmodi der Populärkultur und des Hollywood-Kinos episodisch den Spuren der US-amerikanischen Außenpolitik von der Nachkriegszeit bis zu ihren eigenwilligen Manifestationen heute zu folgen.
Die dynamische Verknüpfung der Materialien wird von Nogles Off-Stimme orchestriert, die in Kombination mit rhythmisch eingefügten Textkommentaren materialoutpost den charakteristischen Touch einer ebenso didaktischen wie mitreißenden Vortragsperformance verleiht. Es hat Methode, wie sie ihre eigene Position als Sprecherin immer wieder in den Fokus rückt: Als Künstlerin und Lehrende interessiert sich Nogle für die strukturelle und wirtschaftliche Bedingtheit von Kunstproduktion und -bildung, in die sie ihre eigene künstlerische Praxis eingebettet sieht und durch die keine außenstehende, distanzierte Perspektive möglich ist. Indem sie ihren Standpunkt offenlegt, bietet Nogles Praxis damit ein reiches Protokoll kritischer Werkzeuge zur Untersuchung der Entstehung, Repräsentation und Vermittlung historischer und gesellschaftlicher Narrative, während sie zugleich Ausblicke auf ungenutztes Potenzial eröffnet, das dem Material innewohnt.
Register
materialoutpost
D'Ette Nogle
2021
1-Kanal-Video, Farbe, Stereo
1920px x 1080px, 150 Min.