Fashions
Trends und Moden verschwinden nicht einfach. Dennoch nehmen wir sie jenseits eines bestimmten Punktes nicht mehr wahr und verlieren den Überblick – meist verspüren wir nur den Drang, das zu betrachten, was im Moment von Interesse ist.
Die Rahmenhandlung von Keren Cytters Videoarbeit Fashions dreht sich um ein Beziehungsgeflecht zwischen drei Frauen: einer Mutter, die in ihrem Beruf als Kantinenchefin aufblüht, ihrer Tochter, die unglücklich verliebt ist, und der Großmutter, die von beiden als fehl am Platz in ihrer Welt wahrgenommen wird. Im privaten Umfeld ihrer Wohnung sehen sich die drei mit generationenübergreifenden Spannungen konfrontiert, die sich in unterschiedlichen Lebensplänen, Interessen und Bedürfnissen äußern, aber auch in moralischen und ethischen Überzeugungen, die ihre gesellschaftliche Realität prägen.
Die Allgegenwart von mal aktiv, mal beiläufig konsumiertem (Medien-)Inhalt verleiht ihrem Alltag Struktur: In einer beispiellosen Mischung aus realen Schreckensbildern sind die Protagonistinnen von Gewaltakten, Rassismus, Homophobie, menschlicher Ausbeutung und faschistischen Symbolen umgeben, die in der Folge eine handlungstreibende Wirkung auf die Figuren entfalten. Auch dem begrenzenden Rahmen der Projektion wird keine Beachtung geschenkt: Die wiederkehrenden Bild-im-Bild-Sequenzen in Fashions, erzeugt durch den Blick auf einen Fernseher oder andere Bildschirme, erwecken den Eindruck, dass der Raum der Darstellenden mit dem der Ausstellung und der Betrachtenden überlappt, die so als aktive Akteure konfrontiert werden. Die fiktionalen Narrative von Cytters Werken, meist mit einfachen, unmittelbar verfügbaren Mitteln produziert, lassen sich als ambivalente Spiegelungen unserer Gesellschaft lesen und formen zeitgenössisches Leben in komplexen Narrativen nach, die aus sensiblem Drehbuch, präziser Montage und einnehmender Klangkomposition bestehen. Es geht dabei nicht darum, Missstände aufzuzeigen oder klar formulierte Kritik zu üben – was potenziell Distanz erzeugt –, sondern das gesellschaftliche Klima und das emotionale Bild einer Zeit zu erkunden. In den seltenen Dialogen, die die konfrontativen Bilder in Fashions ergänzen, reagieren die Protagonistinnen mit derselben abweisenden Geste, wenn sie erklären: „Es ist Mode", „Es sind Formalitäten", „Es macht Spaß" – scheinbar ahnungslos mit einer unvermeidlichen Gegenwart umgehend. Die Tatsache, dass das Heimgesuchtwerden von der Geschichte und ihren mitunter grausamen Rückständen im Hier und Jetzt – wenn auch in anderen Gewändern – vor allem jene betrifft, die schon immer betroffen waren, findet so letztlich ebenfalls Berücksichtigung.
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Fashions
Keren Cytter
2019
1-Kanal-Video, Farbe, Stereo
1920px x 1080px, 30 Min. 56 Sek.