Corpse Cleaner
Was häufig für andere Symbolträger wie Gesten, Zeichen und Sprechakte gilt, trifft auch auf Filmrequisiten zu: Für sich allein betrachtet mag ihr Erscheinen banal wirken; im Austausch mit anderen Objekten und von einer Erzählung belebt, schaffen sie ein Bedeutungsnetz, das jeden Unglauben auflöst und in eine andere Zeit oder an einen anderen Ort führt. Die Videoarbeit Corpse Cleaner des Forschungs- und Produktionskollektivs 13BC (Thirteen Black Cats), bestehend aus den Künstlerinnen und Autoren Vic Brooks, Lucy Raven und Evan Calder Williams, philosophiert über dieses Illusionspotenzial: Sie zeigt eine Kamerafahrt durch die Räume von Encore/Eclectic Props Ltd. in Los Angeles; ein Reigen aus Requisiten und Repliken, der sich ohne einen einzigen Schnitt zu einer eklektischen Montage von Epochen und Schauplätzen verdichtet.
Der Blick in dieses Archiv vergangener Filmproduktionen wird von einem Briefwechsel begleitet, den eine Frauenstimme – gesprochen von der Hollywood-Schauspielerin Dana Wheeler-Nicholson – mit zwei Personen führt, die nur mittelbar in Erscheinung treten: Claude Eatherly, dem ehemaligen US-Militärpiloten, der beim Abwurf der Atombombe auf Hiroshima 1945 das Freigabesignal gab und über dessen von Traumata geprägtes Leben Bob Hope Productions einen Film drehen möchte, und Günther Anders, einem jüdisch-deutschen Philosophen und Modernitätskritiker, der Mitte der 1930er Jahre vor den Nazis in die USA geflohen war und seinen Lebensunterhalt als Reinigungskraft in einem Filmrequisitenlager verdiente.
Der von Anders in mehreren Büchern veröffentlichte Briefwechsel zwischen den beiden – der eine mittlerweile hoch angesehener Intellektueller im Nachkriegsdeutschland, der andere in einer psychiatrischen Klinik untergebracht – bildet die Grundlage für 13BCs mehrteiliges Projekt Fatal Act, von dem Corpse Cleaner ein Fragment ist. Dafür formulierte das Kollektiv fiktive Antworten an beide und reflektiert damit die Schnittstellen von Fiktionalität und Repräsentation, die im mediatisierten Bild zusammentreffen – sei es in unserer alltäglichen Medienkultur, in Hollywoods Produktionsapparat oder in einem Kunstprojekt wie diesem. In einem im Werk zitierten Tagebucheintrag beschrieb Anders seinen ehemaligen Arbeitsplatz als „ein Museum der gesamten Kostümvergangenheit der Menschheit" – und stieß im Laufe seiner Arbeit auch auf Repliken von Uniformen der NS-Wehrmacht: „Wir fliehen vor dem Original, und laufen dann das Risiko, ein paar Jahre später auf der anderen Seite der Welt die Duplikate gegen Bezahlung reinigen zu müssen!" Filme haben damit die Fähigkeit, ein historisches Zeugnis heraufzubeschwören, in dem Relikte zu Requisiten und Kostüme zu Zeugnissen werden.
Register
Corpse Cleaner
13BC (Vic Brooks, Lucy Raven, Evan Calder Williams)
2019
1-Kanal-Video, Farbe, Stereo
1920px x 1080px, 18 Min. 19 Sek.