Das sowjetische Hauptquartier
13. September – 16. Dezember 2023Fluentum präsentiert Das sowjetische Hauptquartier, eine Einzelausstellung des Künstlers und Filmemachers Sven Johne. Der titelgebende 33-minütige Film Das sowjetische Hauptquartier (2023), produziert von Fluentum, spielt auf dem heute verlassenen Gelände des ehemaligen Haus der Offiziere in Wünsdorf, Brandenburg. Das palastähnliche Anwesen, im frühen zwanzigsten Jahrhundert im Neobarock-Stil erbaut, diente bis 1994 als eine Art Hauptquartier und Kulturzentrum für die in der DDR stationierten sowjetischen Truppen. In Johnes neuem Werk wird es zur Kulisse einer Immobilienbesichtigung. Der redselige Becker (Marc Zwinz), ein zum Erfolg verdammter Immobilienmakler, führt Katharina Baronn (Luise Helm), angeblich eine Kaufinteressentin, durch die verödeten Räumlichkeiten. Im Verlauf der Erzählung verschiebt sich der Fokus des Films, und Baronns innerer Monolog tritt in den Vordergrund. Als sie acht Jahre alt war, erlebte Baronn den Abzug der sowjetischen Truppen vom Hauptquartier. Seitdem sucht sie eine nostalgische „Kinder-UdSSR" (in Johnes Worten) als idealisierte Alternative zum tatsächlich existierenden Kapitalismus heim. Das sowjetische Hauptquartier handelt von frühen Prägungen, der Wirkmacht von Ideologien und dem Abschied von der Kindheit.
Der Raum, in dem Fluentum Ausstellungen zeigt, wurde in den 1930er Jahren als Verwaltungsgebäude für die NS-Luftwaffe errichtet und diente später als Hauptquartier des US-Militärs in West-Berlin. Als ideologisches und historisches Pendant zum Haus der Offiziere – das nicht dem Verfall überlassen wurde, sondern nach der Privatisierung des Geländes in den 2010er Jahren architektonisch restauriert wurde – wird die Präsentation des Films bei Fluentum zur Allegorie auf die anhaltenden Narrative der Post-Wende-Zeit: auf vermeintliche Gewinner und Verlierer, Erinnern und Vergessen.
In Sven Johnes Werken legen sich persönliche Erzählungen über die Eckpfeiler der offiziellen Geschichte und erzählen sie durch individuelle Perspektiven und Momente emotionaler Erschütterung neu. In seinen Videos und fotografischen Arbeiten bedient sich Johne dokumentarischer Ästhetik, unterwandert jedoch deren Wahrheitsanspruch, indem er sie mit fiktionalen Elementen durchmischt. Das Ergebnis ist ein Realismus jenseits von Authentizität und Mimesis, der mehr ist als die Summe seiner Teile.
Im Obergeschoss zeigt eine Installation von fünf früheren Videoarbeiten Johnes seine langjährige Beschäftigung mit der Sehnsucht nach Veränderung, dem Gefühl politischer Stagnation sowie der Gegenwart und Vergangenheit Ostdeutschlands. Ähnlich wie Das sowjetische Hauptquartier nutzen diese Werke die Montage von Voice-over, Erzählung und filmischem Bild, um die Verflechtung persönlicher Geschichten mit politischen Mächten zu zeigen. In On Vanishing (2022) und Meridian (2020) ist es die emotionale Irrationalität einer kindlichen Perspektive, die die Betrachtenden leitet. Werke wie Greatest Show on Earth (2011), Dear Vladimir Putin (2017) und A Sense of Warmth (2015), die Teil der Fluentum Collection sind, befassen sich mit Themen, die bis heute umstritten sind – wie die Suche nach ideologischer Zugehörigkeit. Sie zeigen zugleich den besonderen Schwerpunkt der Sammlung auf Kunst, die historisches Material in einem zeitgenössischen gesellschaftlichen Kontext betrachtet und die mediale Transformation des Erzählens befragt.
Die Ausstellung wird von einem von André Fuchs gestalteten Katalog begleitet, der im Dezember erscheint.
Installationsansichten © Stefan Korte.




