Sven Johne, 2022

Vom Verschwinden

In Vom Verschwinden erzählt ein elfjähriger Junge off-screen drei Geschichten über seine Familie: die seiner Urgroßmutter Ida, die seiner Großmutter Angelika und die seines Vaters. In allen drei Geschichten zeugen persönliche Schicksale von verschiedenen Phasen der Geschichte Ostdeutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1989. Alle Geschichten – Krieg, Flucht, Vertreibung, Gewalt, Schießbefehle – werden in Bezug auf eine bestimmte Landschaft gesetzt – die „romantische" Stubnitz, ein bewaldetes Gebiet auf der Insel Rügen, wo Caspar David Friedrichs berühmte Kreidefelsen die ländliche Grenze zur Ostsee bilden.

Die ruhige Kamera zeigt beständig Bäume, Steine, Kreide und Wasser. In der Vorstellungskraft des kindlichen Erzählers ist diese Landschaft nun zweierlei: ein Fluchtort für seine Familie und zugleich ein Speicher für all die traumatisierenden Familiengeschichten. Der Wald hat Ohren, das Meer ist ein Gehirn, sagt der Junge. Er fragt sich, was er – in dieser heutigen Zeit – dieser Landschaft anvertrauen soll. Er spricht davon, dass diese berühmte Landschaft selbst verschwinden wird. Was würde letztlich aus dieser Zerstörung entstehen? Flucht und Vertreibung wieder? Krieg wieder? Der bevorstehende Klimawandel wird so in Bezug zu den als überwunden geglaubten Tragödien des 20. Jahrhunderts gesetzt.

Register (FL//079)

Vom Verschwinden
Sven Johne
2022
4/5+1
1-Kanal-Video, Farbe, Stereo
3840px x 2160px, 15 Min. 50 Sek.