Time Without End
Eine Frau sitzt allein in einem Sessel, ihre Ellbogen auf die Armlehnen gestützt. Sie hält ein Buch in den Händen, das ihr Gesicht verbirgt. Auf dem Cover steht: „Time Without End." Sie könnte in der Suite eines eleganten Hotels sitzen, wäre da nicht die amerikanische Landschaft, die monoton am Fenster hinter ihr vorbeizieht. Die Frau sitzt in einem „Santa Fe Super Chief", dem Luxuszug der Reichen und Schönen der 1940er Jahre, der nach vorne rast. Langsam senkt sie ihre Arme und mit ihnen das Buch. Wir erkennen ihr Gesicht. Ihre Augenlider schließen sich. Das Buch ruht auf ihren Knien. Im Schlaf schiebt sie es weg – es fällt auf den Boden.
Die eigentliche Erzählung enthüllt sich erst langsam in Klaus vom Bruchs Found-Footage-Arbeit Time Without End (1996): Die Filmsequenz aus dem Technicolor-Film-noir Leave Her to Heaven (1945) von John M. Stahl wurde vom Künstler so manipuliert, dass die Bildsequenz und ihr Soundtrack in einer Endlosschleife, die sich an der kontinuierlich fortschreitenden Zeitlinie entlangbewegt, Bild für Bild verschoben werden, so dass dem Bewegungsfluss ein Stakkato weicht.
Im Fall des Buches, das sich Bild für Bild nach vorne bewegt, kulminiert die Dekonstruktion des Erzählmotivs: Die Bewegung kehrt sich nun um, als ob das Buch vom Boden zurückgesprungen wäre. Die Bildsequenz wird wieder Bild für Bild zurückgeschoben, bis die Frau das Buch wieder in den Händen hält und ihr Gesicht dahinter verschwindet, während die von Telegrafenmasten durchlöcherte Landschaft im Hintergrund endlos weiterzieht. Die Schleife beginnt von vorn.
Es ist sicher kein Zufall, dass vom Bruch eine Szene in einem Zug als Rohmaterial gewählt hat, die uns in die Nähe von Paul Virilios Überlegungen zu den Zusammenhängen zwischen der Entwicklung von (Film-)Techniken, Fahrzeugen und Geschwindigkeit führt. Jedes spezifische Medium besitzt eine inhärente Geschwindigkeit, die wiederum die Wahrnehmung der Geschwindigkeit beeinflusst. So legt Klaus vom Bruchs Time Without End die Wahrnehmungsmomente und -logiken unserer zeitgenössischen Geschwindigkeitsmaschinen bloß. – Marie-France Rafael
Register (FL//055)
Time Without End
Klaus vom Bruch
1996/2017
10/40+10
1-Kanal-Video, Farbe, Stereo
1920px x 1080px, 6 Min. 39 Sek.