The Haul (hello everybody)
Das im Zeitalter der Digital Natives vor knapp einem Jahrzehnt geprägte Format eines „Haul" ist zu einem eingängigen Medienbegriff für private, selbst produzierte Videos geworden, die für die Online-Verbreitung erstellt wurden, typischerweise von „Haul Girls" oder Vloggerinnen, die ihre neu gekauften Accessoires präsentieren. Indem sie sich mit Webcams in ihren Privathäusern aufnehmen, zielen Haul Girls darauf ab, Konsumentinnen und Konsumenten sofortige Gebrauchsanweisungen zu liefern. Die vorgespielte Authentizität der Botschaft scheint in starkem Kontrast zu traditionellen Werbmedien zu stehen.
Tatsächlich entspricht die Kulisse in Panhans' The Haul (hello everybody) diesem Genre: Die Szene ist unverkennbar in einer Privatküche angesiedelt und begrenzt damit den städtischen Haushalt, in den die Betrachtenden eingeführt werden. Bis zu diesem Punkt bewegt sich die Kameraperspektive zwischen Kühlschrank und Tür, bevor sie unruhig der sprechenden Protagonistin folgt: einer modisch barfüßigen Frau. Ihre Einwürfe fließen auch in der typischen Sprache einer Haul-Vloggerin, die beständig ihre Vorlieben und Empfehlungen äußert. Statt jedoch von den geschätzten Artikeln begeistert zu sein, geschieht etwas Seltsames.
Panhans' Aneignung des Haul-Videoformats erinnert an die feministische Repräsentationskritik der 1970er Jahre, die konventionelle Narrative des häuslichen Lebens hinterfragt. Man denkt an Martha Roslers legendäre Videoarbeit Semiotics of The Kitchen (1975), in der die Künstlerin eine Schürze trägt, eine Reihe gängiger Küchenutensilien präsentiert und deren Verwendung in einem Brechtschen Verfremdungseffekt parodiert. Oder man erinnert sich an Chantal Akermans Kurzfilm Saute ma ville (1968), in dem eine junge Frau – ebenfalls von der Künstlerin selbst gespielt – eine Küche betritt und sich immer merkwürdiger verhält, bis die Szene schließlich explodiert. Während Panhans eine ähnliche Verfremdungsstrategie anwendet wie die vom Feminismus informierten Filmemacherinnen, leitet er das Genre der derzeit kursierenden Haul-Videos über den dysfunktionalen Monolog (ein Skript?) der Protagonistin (eine Schauspielerin?) um.
Die Ideologie des Sofortkonsums hervorhebend, ist Panhans' Werk von dem informiert, was Kerstin Stakemeier und Marina Vishmidt jüngst die „Rekonstruktion von Autonomie aus einem erweiterten Verständnis von Reproduktion" nannten. Dennoch vollzieht Panhans' subjektive, gut domestizierte Kameraarbeit einen Distanzierungseffekt anstelle der mit dem Haul assoziierten Unmittelbarkeit. Der Künstler eignet sich nicht nur die personalisierende Logik des globalen Konsumkapitalismus an, sondern entblößt sie auch, indem er ihre eigentümlichen Merkmale – durch die konstruierte Kulisse, die irritierende Kameraperspektive und den affektgetriebenen Monolog – ad absurdum führt. – Elena Zanichelli
Register (FL//048)
The Haul (hello everybody)
Stefan Panhans
2016
10/40+10
1-Kanal-Video, Farbe, Stereo
1920px x 1080px, 6 Min.