Real Thomas Metzinger
Real Thomas Metzinger nimmt die Nasenkorrektur zum Anlass, das Selbst, das Gesicht und die Authentizität im Zeitalter kosmetischer Chirurgie, kommerzieller KI und vernetzter Kultur (neu) zu betrachten und zu kartografieren. Ehrenstein ringt mit den Begriffen Identität und Authentizität und hinterfragt die Idee eines „wahren Selbst", das letztlich dazu dient, ihren Körper nach dem kosmetischen Eingriff zu kontrollieren.
Die Entscheidung der Künstlerin, sich einer Nasenkorrektur zu unterziehen, dient als Katalysator, um gesellschaftliche Einstellungen gegenüber Authentizität und Selbstausdruck zu hinterfragen. Während die Neurowissenschaft noch keinen Konsens darüber erzielt hat, was das Selbst oder Bewusstsein ist oder ob es überhaupt existiert, offenbarten die Reaktionen auf Ehrensteins chirurgische Veränderung ein gesellschaftliches Beharren auf einem fixen Begriff des authentischen Selbst. Unterdessen postulieren Neurowissenschaftlerinnen und Neurowissenschaftler wie Thomas Metzinger, dass das Selbst eine vollständig konstruierte Entität ist, eine Halluzination des Geistes statt einer inhärenten Wahrheit. Die „brutale Tatsache" ist, dass hinter jedem Gesicht, anstatt eines transzendenten Selbst, „nichts als materielle Substanz" steckt.
Ungefähr zur gleichen Zeit verkompliziert die Verbreitung von Deepfake-Technologien, die von High-Tech auf Verbraucherebene übergehen, die Beziehung zwischen äußerem Erscheinungsbild und persönlicher Identität zusätzlich. Anwendungen wie Mug Life ermöglichten es Verbraucherinnen und Verbrauchern, das Gesicht anderer Menschen das sagen zu lassen, was sie wollten – Oprah Winfrey und Elvis Presley enden als kaum mehr als Lo-Fi-digitale Sprachrohre im Prozess der Künstlerin.
Auf dem Bildschirm führt Ehrenstein eine Reihe von Aufgaben und Übungen durch, die laut verschiedenen Online-Anleitungen ihr chirurgisch verändertes Gesicht mit einem wahrhaftigeren Selbst in Einklang bringen sollen. Collagiert mit dem zuvor erwähnten deepfake-generierten Filmmaterial, das mit Zitaten aus Metzingers „The Ego Tunnel" überlagert ist, dezentriert die Künstlerin die Authentizität des Selbst zugunsten einer formbaren, unfixierten, fehlerhaften Version.
Ehrenstein extrapoliert diese zusammentreffenden Momente, die das Persönliche, das Gesellschaftliche und das Technologische umspannen, um zu hinterfragen, ob ein unveränderliches Selbst überhaupt existiert, und überdenkt dabei Identität und Realität in einem Zeitalter, in dem das äußere Erscheinungsbild chirurgisch und digital manipuliert werden kann und Wahrnehmungen der Selbstheit ständig durch technologische Fortschritte vermittelt werden. – Felix Ansmann
Register (FL//084)
Real Thomas Metzinger
Anna Ehrenstein
2017/2024
10/40+3
1-Kanal-Video, Farbe, Stereo
1248px x 1664px, 3 Min. 38 Sek.