Gernot Wieland, 2018

Ink in Milk

In zwölf Minuten erzählt der österreichische Künstler Gernot Wieland eine tiefe und absurde Geschichte über die Sehnsucht nach individueller Freiheit und den kollektiven Konformitätszwang. Mit tragikomischen Kindheitserinnerungen und Lebensreflexionen als Kafka'eske Kurzgeschichte, mit kindlichen Bleistiftzeichnungen, Plastilin-Figuren, metaphorischen Super-8-Filmaufnahmen von Treppensteigen und mysteriösen Kristallobjekten aus Holzstäbchen fesselt Wieland unsere Aufmerksamkeit. Fakten treffen auf Fiktion; dynamische Erzählung trifft auf poetische Bildsequenzen und eine hypnotische Klanglandschaft. In dieser Verschmelzung entfaltet sich ein magischer Realismus.

Aus der Ich-Perspektive, aber bedingt durch ein österreichisch gefärbtes Englisch distanziert, erzählt Wieland die Verkleidungsabenteuer und Auswanderungsträume eines Schulfreundes, die mit seiner Einweisung in eine psychiatrische Klinik und der Diagnose „Schizophrenie" endeten. Die Folgen für den Ich-Erzähler sind die „Deportation" zu einem „Onkel" und die Verinnerlichung der kollektiven Mythologie seines Dorfes, das die Imitation von Kristallfiguren als Bewältigungsstrategie für Trauer und Angstzustände betrachtet. Auf der visuellen Ebene fungieren einige Bilder als Belege für die Erzählung, andere illustrieren die Absurditäten des Alltags, und wieder andere sind Versuche, bestehende und wahrgenommene Machtverhältnisse konzeptuell zu überdenken.

Die vielschichtige Erzählung leitet ein allgemeines Staunen darüber, wie wir hierher gelangt sind. Auf liebevolle und humorvolle Weise dekonstruiert Wieland ein kindliches Universum und visualisiert die verborgenen Ruinen der kollektiven Psyche, die vererbt werden, denen wir aber nicht machtlos gegenüberstehen müssen. In Ink in Milk sind die Erinnerungen keine geschlossenen Narrative, sondern lebendige Geschichten, die sich entwirren, neu verknüpfen und uns erlauben, uns selbst zu finden. Die Projektion des Videos auf die Rückseite eines Kleiderschranks verkörpert die Erfahrung des Ich-Erzählers, von einer Lehrerin ausgeschlossen zu werden, die eine Liste der „Nonkonformisten" führte und diese mit perfiden Methoden bestrafte. So ermöglicht Wieland uns, das Bewusstsein für den eigenen Körper körperlich nachzuerleben. „Wie wir unsere Körper zueinander positionieren, ist der Beginn der Politik", ist eine der zentralen Aussagen Wielands im Video.

Am Ende zeigt Ink in Milk einen möglichen Ausweg, wie wir unsere eigene Erzählung schreiben und dem Zwang widerstehen können, uns in eine kollektive Erzählung einzuschreiben. Die Welt der Fantasie und Vorstellungskraft lebt in einer normativen Gesellschaft weiter, genau wie die „tanzenden Tiere" in einer Mischung aus Tinte und Milch. – Ieva Akule

Register (FL//066)

Ink in Milk
Gernot Wieland
2018
10/40+10
1-Kanal-Video, Farbe, Stereo
1440px x 1080px, 12 Min. 30 Sek.