Sven Johne, 2017

Дорогой Владимир Путин |
Dear Vladimir Putin

„Lieber Wladimir Putin, gestatten Sie mir, mich vorzustellen: Mein Name ist Peter Bittel. Ich wurde am 19. April 1949 in Dresden geboren, wo ich noch heute lebe. Verzeihen Sie mir mein etwas eingerostetes Russisch; ich habe Ihre schöne Sprache schon seit geraumer Zeit nicht mehr gesprochen." (aus Bittels Rede)

Der pensionierte Ingenieur Peter Bittel (Gottfried Richter) bereitet sich auf seinen großen Auftritt vor: eine Rede an Wladimir Putin über Persönliches und Politisches, einen etwa zehnminütigen Monolog auf Russisch. Obwohl Bittel seine Rede vom heimischen Computer aus halten kann, soll sie live und für alle online zugänglich sein. Bittel übt das Ablesen seines Textes, redigiert und verwirft oder schleift einzelne Passagen und verzweifelt bisweilen an Aussprache und Grammatik der Sprache. Es ist ein Text wie ein Bekenntnis: Peter Bittel ist ein „Westler", der seinen Glauben verloren hat.

Und parallel dazu bügelt er sorgfältig sein Hemd, wäscht und rasiert sich, mehrfach und sehr gründlich, zieht sich in Ruhe an, der Krawattenknoten gerät unbeholfen. Sein dunkler Sonntagsanzug ist etwas eng, aber die Schuhe glänzen. Er könnte auf eine Hochzeit gehen — oder auf eine Beerdigung.

Peter Bittels Worte an Wladimir Putin haben eine klare Struktur, seine Kritik am politischen Westen ist weitgehend gut begründet. Obwohl er irgendwie mit der rechten Bewegung Pegida sympathisiert, betrachtet er sich nicht als Rechten. Bittels Kritik an der Struktur der Europäischen Union wegen ihres Demokratiedefizits ist eher linksorientiert, seine „Lösung" (nicht die Demokratisierung der EU, sondern der Beitritt zur Eurasischen Union unter russischer Führung) dagegen eher „rechts". Bittel plädiert einerseits für internationale Verständigung und Solidarität, ist aber auch im Grunde xenophob und, durch viele Jahre Autoritarismus konditioniert, ein deutscher Kleinbürger. Gleichwohl: der politische Westen mit seiner Doppelmoral (Ukraine vs. Naher Osten) hat moralisch versagt, oder der Kapitalismus bringt uns schlechthin um, oder die EU-Kommission kann nicht abgewählt werden – Bittels Rede oszilliert zwischen den politischen Lagern und fordert uns heraus, unsere eigenen Lieblingsstandpunkte zu hinterfragen, sie zu verwerfen oder zu festigen. Vor allem aber ist Peter Bittel einfach ein netter Kerl. Und dennoch unangenehm: weil er uns mit unseren eigenen Ängsten konfrontiert – was, wenn dieser Mann recht hat? Was geschieht, wenn die Dinge so eintreten, wie er es prophezeit?

Register (FL//060)

Дорогой Владимир Путин |
Dear Vladimir Putin
Sven Johne
2017
2/5+1
1-Kanal-Video, Farbe, Stereo
3840px x 2160px, 17 Min. 30 Sek.