Sven Johne, 2023

Das sowjetische Hauptquartier

In Das sowjetische Hauptquartier begleiten wir den Immobilienmakler Becker (Marc Zwinz) und die vermeintliche Investorin Katharina Baronn (Luise Helm) bei einer Besichtigung des ehemaligen (Kultur-)Hauptquartiers der Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland. Das verwunschene, neubarocke Anwesen — das Haus der Offiziere — befindet sich in Wünsdorf, Brandenburg.

Becker erläutert die Vorzüge des Grundstücks zunächst eloquent und gut gelaunt und entwirft kühne Bilder von seiner künftigen Nutzung als Hotelkomplex oder als Ort für „Wellness und Kultur". Doch bald wird klar, dass er unter enormem Druck „von oben" steht. Er muss das Objekt unbedingt noch heute verkaufen, offenbar nach zahlreichen gescheiterten Versuchen. Seine Gesprächspartnerin Katharina Baronn bleibt hingegen merkwürdig einsilbig. Auf seine großspurigen Versprechen reagiert sie beinahe schroff.

Im Laufe der Besichtigung wird Becker immer verzweifelter und verfällt in eine immer plumpere Motivationsrhetorik. Baronn folgt ihm, in Gedanken versunken, doch irgendwann beginnt ein innerer Monolog, und sie nimmt uns mit auf eine Reise in die Vergangenheit: Diese Katharina Baronn ist keine Investorin – sie hat sich hier einfach hineingeschmuggelt. In den frühen 1990er Jahren war sie als Kind im Haus der Offiziere. Die Russen hatten noch nicht das Land verlassen. Baronn beschreibt für uns eine Zeitkapsel: Die Sowjetunion existierte in diesem verfallenden Gebäude einfach weiter bis 1994.

Baronn verbirgt nicht, dass diese Erinnerungen tief eingraviert sind. Da ist diese angenehme Sehnsucht nach der Kindheit. Beide, Baronn wie Becker, sind Kinder ihrer frühen Prägungen, ihrer Ideologien in Ost und West. Am Ende des Films finden sie einander auf poetische Weise.

Register (FL//077)

Das sowjetische Hauptquartier
Sven Johne
2023
1/5+1
1-Kanal-Video, Farbe, Stereo
3840px x 2160px, 32 Min. 57 Sek.